Vielfalt beginnt nicht bei Programmen, sondern im täglichen Miteinander. Davon ist Marion Bender überzeugt. Die Rednerin, Autorin und engagierte Botschafterin für Inklusion hält die Keynote beim ersten AUMA-MesseForum Diversity Anfang Oktober in Berlin. Im Interview mit Nikolai Mizin spricht sie darüber, warum Diversity kein Sonderthema ist, wie echte Teilhabe gelingt und woran sich erkennen lässt, ob Veranstaltungen Vielfalt wirklich leben.
Liebe Marion Bender, Sie arbeiten mit vielen Unternehmen und Organisationen. Wo sehen Sie aktuell die größten Fortschritte beim Thema Diversity? Wo fehlt es am meisten?
Fortschritte sehe ich vor allem beim Bewusstsein. Viele Unternehmen sprechen offener über Vielfalt, hinterfragen Auswahlprozesse und achten stärker darauf, wer in Teams, auf Bühnen oder an Entscheidungen beteiligt ist. Das ist wichtig. Gleichzeitig fehlt es oft noch an der Umsetzung im Alltag. Besonders Menschen mit Behinderungen werden häufig erst mitgedacht, wenn eine konkrete Barriere auftaucht.
Für mich beginnt Diversity früher: bei der Planung, der Zugänglichkeit und der echten Beteiligung. Ich wünsche mir einen Blick, der Unterschiede nicht übersieht, aber mehr sieht als den Unterschied.
Ist Vielfalt ein „Nice-to-have“?
Nein. Vielfalt ist kein Nice-to-have, weil sie längst Realität ist. Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Fähigkeiten, Lebenswege und Sichtweisen mit. Unternehmen können diese Vielfalt ignorieren oder sie bewusst nutzen.
Wenn verschiedene Perspektiven gehört werden, entstehen bessere Entscheidungen und oft auch bessere Lösungen. Für mich geht es dabei aber nicht nur um wirtschaftlichen Nutzen. Es geht um Würde und Zugehörigkeit. Vielfalt ist kein Sonderthema. Sie gehört zum Menschsein. Entscheidend ist, ob Menschen nur anwesend sind oder wirklich mitgestalten und wirksam werden dürfen.
Wie können Mitarbeitende, die sich selbst keiner Diversity-Dimension zurechnen, zu einer inklusiven Kultur beitragen?
Auch wer sich keiner Diversity-Dimension zurechnet, kann sehr konkret beitragen: zuhören, nachfragen, die eigenen schnellen Urteile prüfen und bei abwertenden Bemerkungen nicht schweigen. In Meetings kann man darauf achten, dass Menschen ausreden dürfen und nicht immer dieselben Stimmen den Raum bestimmen. Wichtig ist auch, nicht ungefragt für andere zu entscheiden, was sie brauchen.
Menschen verändern Menschen, oft durch kleine, klare Handlungen. Inklusion entsteht nicht nur durch Programme. Sie zeigt sich im täglichen Miteinander.
Gibt es drei Merkmale, an denen man eine Veranstaltung - wie eine Messe - erkennt, die Vielfalt wirklich lebt?
Ja. Erstens: Barrierefreiheit ist von Anfang an mitgedacht, von der Anmeldung und Anreise bis zu Wegen, Messeständen, Bühne und digitalen Informationen.
Zweitens: Vielfalt ist im Team, bei den Ausstellenden und auf den Podien sichtbar, ohne Menschen auf ein Merkmal zu reduzieren.
Drittens: Betroffene werden nicht nur eingeladen, sondern in Planung und Entscheidungen einbezogen. Eine Rampe bringt mich durch die Tür. Ob ich danach ernst genommen werde und wirklich teilhaben kann, entscheidet das Miteinander. Genau daran erkennt man gelebte Vielfalt.
Ganz persönlich: Wie selbstverständlich ist Ihr Rollstuhl für die Menschen, denen Sie begegnen?
Für mich ist mein Rollstuhl nach über 30 Jahren selbstverständlich. Ich fahre nicht jeden Morgen los und denke: Da ist ja wieder mein Rollstuhl. Er gehört zu meinem Alltag. Bei anderen merke ich manchmal noch Unsicherheit. Manche schauen weg, andere möchten sofort helfen. Viele begegnen mir aber auch ganz selbstverständlich.
Nach wenigen Minuten zeigt sich meist, ob jemand nur den Rollstuhl sieht oder auch mich. Ich wünsche mir nicht, dass er übersehen wird. Ich wünsche mir, dass ich nicht auf ihn reduziert werde. Ich bin Marion. Der Rollstuhl gehört zu mir. Aber er ist nicht das, was mich ausmacht.
Marion Bender wurde mit einer beidseitigen Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildung geboren und erlebte früh Ausgrenzung und Mobbing. Nach einem schweren Reitunfall fand sie zurück in ein selbstbestimmtes Leben und als Kutschfahrerin bis in den deutschen Kader der sogenannten Fahrer mit Behinderung.
Heute spricht sie über Mut, Würde, Veränderung und gelebte Vielfalt. In ihrem Buch „Aufstehen beginnt im Kopf - Nichts hindert dich“ beschreibt sie ihren Weg und die Kraft innerer Haltung. Ehrenamtlich engagiert sie sich für Menschen mit Querschnittlähmung sowie Lippen-Kiefer-Gaumen-Fehlbildungen.
Regelmäßig besucht sie die Fachmesse für Reha & Pflege, Rehacare, in Düsseldorf und die Fachmesse für Rehabilitation, Therapie, Pflege und Inklusion, Rehab, in Karlsruhe. Für sie sind sie wichtige Orte der Begegnung, des Austauschs und neuer Impulse für Barrierefreiheit und Teilhabe.
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15. September 2026

