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Statistik: Dickes Plus ist ein fettes Minus

Jüngst veröffentlichte das Statistische Bundesamt (destatis) Umsatzzahlen der Dienstleistungsbranche für das Jahr 2021. Es zeigt sich ein 4,4-prozentiger Umsatzanstieg gegenüber dem Jahr 2020, wenngleich das Vorkrisenniveau nicht erreicht wurde. Insbesondere verweist das Bundesamt auf enorme Zuwächse in der Reisebranche und der Messewirtschaft. Hier werden Steigerungen von 200 und 120 Prozent genannt. Darüber spricht Anne Böhl für AUMA Compact mit Hendrik Hochheim, Geschäftsbereichsleiter Messen Deutschland. // 8. März 2022

Hendrik Hochheim, AUMA-Geschäftsbereichsleiter Messen Deutschland und Geschäftsführer der FKM

Hendrik, wie sehr hattest du erhöhten Puls, als du den Beitrag zu den Umsatzsteigerungen in der Messewirtschaft im Jahr 2021 gelesen hast, etwa im Handelsblatt kürzlich?


Hendrik Hochheim: Puh, meine Nackenhaare haben sich gesträubt! 120 Prozent Umsatzwachstum in der Messewirtschaft während Corona - das erscheint mir sehr unrealistisch. Wer diesen Beitrag flüchtig liest und sich in einer Jahresbetrachtung wähnt, gerät unweigerlich auf den Holzweg. Denn die Aussagen zur Messewirtschaft beziehen sich auf das vierte Quartal 2021, das ein 120-prozentiges Wachstum gegenüber dem Vorjahrszeitraum ausweist.

Das macht die Sache aber nicht besser, oder? Was sagt der Statistiker?

Hochheim: Es ist immer schlecht, wenn Statistiken ohne Kontext veröffentlicht werden. Der Quartalsvergleich ist in normalen Zeiten absolut üblich und zulässig. Unter Corona-Bedingungen werden hier aber Äpfel mit Birnen verglichen. Nur kurz die zwei gravierendsten Unterschiede: 2020 hatten wir ab Oktober ein Messeverbot, 2021 nicht. Also gab es mehr Messen und damit Umsätze in 2021 nach einem fast vollständigen Komplettausfall in 2020 - dafür scheinen mir die 120 Prozent Zuwachs sogar noch viel zu niedrig angesetzt. Auch gab es 2021 im Gegensatz zu 2020 auf vielen Messeplätzen in Deutschland Impfzentren, die den Veranstaltern Umsatz einbrachten.

Wie können diese Zahlen also verstanden werden?

Hochheim: Richtig ist, dass die Messeveranstalter trotz Corona Umsatz im gesamten Jahr 2021 erwirtschaftet haben. Dieser resultiert jedoch nicht nur aus Messegeschäft, siehe Impfzentren, denn erst ab September 2021 waren Messen in ganz Deutschland wieder möglich, und das eigentlich auch nur bis November. So konnten nur 101 von 380 geplanten Messen durchgeführt werden, entstanden ist ein Umsatzminus von 70 Prozent – auf Jahresbasis. Außerdem fasst das Statistische Bundesamt Messen und Kongresse zusammen, was in der Meldung untergeht.

Fazit: Die genannten Zahlen sagen überhaupt nichts über die Entwicklung der Messewirtschaft während Corona aus, sondern zeigen eine stark verzerrte Momentaufnahme. Hätte man beispielsweise jeweils das erste Quartal 2021 zu 2020 verglichen, dürfte statt des dicken Plus ein fettes Minus von annähernd 100 Prozent stehen, da es Anfang 2021 keine Messen gab, 2020 hingegen schon.


Quelle: Statistisches Bundesamt (4. März 2022): https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/03/PD22_087_474.html;jsessionid=EF801FE32F89511623DA3C83C15ADEC0.live732)




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