Um Glaubwürdigkeit und Orientierung in unsicheren Zeiten ging es auf dem MesseForum Social Media, das der Messeverband AUMA am 26. und 27. Januar in Berlin organisierte. Rund 30 Social-Media-Managerinnen und Kommunikationsexperten aus der Messewirtschaft beteiligten sich an der Mitgliederveranstaltung des Verbandes. MesseForen sind eine lockere Veranstaltungsreihe zu Fachthemen der Messewirtschaft. Dort geht es um brancheninterne Qualifizierung, genauso wie um Erfahrungsaustausch, Kontaktpflege und Netzwerken.
Im Mittelpunkt dieses MesseForums stand die Erkenntnis: KI verändert nicht nur die Produktion von Kommunikation im sozialen Netz, sondern auch das Vertrauen in Inhalte – und damit die Rahmenbedingungen für die Messekommunikation im Social Web. Fake News, Deep Fakes, algorithmisch erzeugte Echokammern und die schiere Masse an automatisiert produzierten Posts führen dazu, dass Zielgruppen überfordert sind und Plattformen an Glaubwürdigkeit verlieren.
Gleichzeitig steigt der Wert echter Begegnungen, wie AUMA‑Geschäftsführer Jörn Holtmeier zur Eröffnung betonte. Messen bieten genau diese Authentizität: reale Kontakte, Glaubwürdigkeit und wirtschaftliche Relevanz – sie stehen jährlich für 30 Milliarden Euro Wertschöpfung, sichern 280.000 Arbeitsplätze und generieren über fünf Milliarden Euro Steuereinnahmen.
Instanz statt Influenz – die neue Rolle von Social Media
In seiner Keynote zeigte Kommunikationsberater Kai Heddergott, wie stark KI Social Media bereits verändert hat. KI‑generierte Inhalte und Fake Posts verwischen die Grenze zwischen echt und künstlich. Plattformen fragmentieren, Algorithmen bestimmen Sichtbarkeit, und große Teile der Kommunikation verlagern sich in private Räume.
Die Folge: Ein tiefgreifender Vertrauensschwund, aber gleichzeitig ein wachsender Wunsch nach Echtheit. Hier liegt die Chance für Messen: Sie bieten reale Interaktion, ungefilterte Gespräche und Vertrauen jenseits algorithmischer Glättung.
Heddergotts zentrale Botschaft: Social Media endet nicht – aber sein Funktionsverständnis verändert sich grundlegend. Nicht die Masse entscheidet, sondern Haltung und Relevanz. KI ersetzt keine Kommunikation, sondern entlarvt schlechte. Unternehmen müssen daher mehr denn je Wert auf klare Positionen, Verlässlichkeit und Substanz legen. Gleichzeitig erfordern KI-Kennzeichnungspflichten ab 2026 klare Regeln und professionelle Souveränität im Umgang mit KI-Tools.
Menschen setzen Werte und Richtung, KI unterstützt im Hintergrund.
Der Raw Look als authentische Antwort auf KI‑Überflutung
Auch Regisseur und Berater Marcel Wehn betonte den wachsenden Wunsch nach realen, ungeschönten Inhalten. Da auf Plattformen wie Instagram echte Beiträge zunehmend im Hintergrund verschwinden, verlieren Reichweitenlogiken an Wirkung. Unternehmen, die Mut zur Kante zeigen und Menschen statt Perfektion in den Mittelpunkt stellen, gewinnen Vertrauen zurück, so die Empfehlung des Regisseurs. „Raw Content“ – Inhalte mit Ecken, Kanten und persönlicher Handschrift – wird damit zur glaubwürdigen Antwort auf KI‑Glättung. Für die Messewirtschaft bedeutet das: Die Menschen hinter den Veranstaltungen sichtbar machen, statt ausschließlich glatte Corporate‑Storys zu erzählen.
Barcamp, Praxis und neue Perspektiven
Selbstgewählte Fragestellungen der Kommunikationsprofis gaben den Rahmen für Diskussion und Erfahrungsaustausch im Barcamp-Format am Nachmittag. Es ging um Fragen zur Social‑Media‑Organisationsstruktur und zu Content‑Strategien. Mit Elisabeth Slafzinski von der Agentur We Do wurden Erfahrungen für Community‑Management und Krisenkommunikation geteilt Ein Video‑Workshop mit Marcel Wehn zeigte, wie man authentische Formate produziert – jenseits der Corporate‑Perfektion.
Der zweite Tag eröffnete mit einem Impuls des AUMA: Max Reichert präsentierte die neue Studie „Messen im Zeitalter von KI“. Sie zeigt: KI ist längst Alltag in der Branche. Über 70 Prozent der Veranstalter nutzen KI‑Tools, insbesondere für Textproduktion, Chatbots und Datenanalyse. Die Studie beschreibt 79 Anwendungsfelder, ein Technologieradar und vier Zukunftsszenarien – und verdeutlicht: Die Branche steht damit an einem Wendepunkt zwischen Experiment und strategischer Transformation.
Zum Schluss präsentierte Anna Sperber (NürnbergMesse) die CO₂‑Bilanz der Social‑Media‑Arbeit ihrer Messegesellschaft. Das war ein neuer Blick auf Nachhaltigkeit in der digitalen Kommunikation.
Fazit: Echte Menschen schlagen perfekte Maschinen
Das MesseForum machte deutlich: KI verändert Social Media tiefgreifend. Doch gerade deshalb wächst die Bedeutung von Authentizität, Haltung und echten Begegnungen. Messen bieten all das. Sie werden zu einem glaubwürdigen Gegenpol einer digital überformten Wirklichkeit. Für die Branche heißt das: Mut zeigen, Haltung einnehmen und Menschen sichtbar machen. KI kann unterstützen – aber Vertrauen entsteht dort, wo echte Geschichten erzählt werden. Und diese Chance bietet Messekommunikation. // Text und Redaktion: Anne Böhl