Interview

„Frankfurt bleibt Anker unseres weltweiten Geschäftsmodells“

Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt

Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt

Der AUMA hat kürzlich erste Ergebnisse seiner Studie zur gesamtwirtschaftlichen Bedeutung von Messen in Deutschland veröffentlicht. Die Untersuchung basiert auf Befragungen bei 30 Messen an zehn deutschen Messeplätzen. Im Rahmen dieser Erhebung hat die Messe Frankfurt bereits im Dezember ihre Zahlen präsentiert. Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt, erklärt im Interview mit Anne Böhl (AUMA), wie die Messe Frankfurt die regionale Wirtschaft unterstützt und warum Megatrends wie Nachhaltigkeit und KI die Zukunft des Messegeschäfts prägen.

 

Lieber Herr Marzin, die jüngst vorgestellte Prognos-Studie beziffert die sozio-ökonomischen Effekte der Veranstaltungen der Messe Frankfurt auf 3,7 Milliarden Euro, davon 2,1 Milliarden in Frankfurt selbst. Welche Maßnahmen haben Sie initiiert, um diesen hohen regionalen Mehrwert zu steigern?

Um die wirtschaftlichen Effekte unserer von hoher Internationalität geprägten Veranstaltungen nachweisen zu können, verlassen wir uns nicht auf bloße Annahmen, sondern auf belastbare Daten. Die Prognos-Studie ist für uns von zentraler Bedeutung: Sie liefert eine faktenfundierte Basis, auf der wir gezielt in den Ausbau unseres Standorts Frankfurt investieren, um die regionale Wertschöpfung dauerhaft zu stärken. Wir pflegen sehr gute Beziehungen zu unseren Gastveranstaltern und fördern intensiv die Entwicklung neuer Fachveranstaltungen und Gastmessen. Gleichzeitig optimieren wir kontinuierlich unsere Infrastruktur sowie unser digitales Hallenmanagement. So schaffen wir optimale Bedingungen für Aussteller, Besucher und Partner und erhöhen nachhaltig die ökonomische Wirkung für die gesamte Region.

Mit rund 30.000 Arbeitsplätzen, die bundesweit über Ihr Messegeschäft gesichert werden, und entsprechenden Steuereinnahmen in Höhe von 667 Millionen Euro sind Sie ein bedeutender Wirtschaftsmotor. Wie gestalten Sie Ihr Messeportfolio, um diese Wirkung zu verankern?

Um unsere Rolle als starker Konjunkturmotor langfristig zu festigen, richten wir unser Portfolio strategisch an globalen Megatrends wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und vernetzter Gebäudetechnik aus. Gerade in letzterer sehen wir einen großen Wachstumsmarkt der Zukunft und entwickeln etwa in den USA die „LightFair“ zur „Light + Intelligent Building“ weiter. Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit stehen 2026 auch im Fokus unserer Textilmessen. Zudem investieren wir gezielt in Wachstumsmärkte wie Zentralasien, ASEAN und Nahost. Bis 2027 erweitern wir unser Portfolio um 25 neue Messen. Dies sichert Beschäftigung und fördert nachhaltige Wertschöpfung sowohl national als auch international – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen. Hinzu kommt: Ausländische Kunden, die unsere Marken zunächst in ihrem Heimatland kennenlernen, nehmen später oft auch an den Leitmessen in Frankfurt teil und stärken deren hohe Internationalität.

Fast die Hälfte des Konzernumsatzes der Messe Frankfurt wird im Ausland erwirtschaftet. Wie stellen Sie sicher, dass die sozio-ökonomischen Effekte am Standort Frankfurt entstehen?

Frankfurt bleibt Anker unseres weltweiten Geschäftsmodells. Unsere Strategie setzt bewusst auf internationale Leitveranstaltungen wie die Ambiente, die Automechanika oder die Heimtextil, die regelmäßig über 80 Prozent internationale Aussteller anziehen – letztere jüngst sogar 96 Prozent. Die daraus resultierenden Besucherströme und Geschäftsanbahnungen zahlen deutlich auf die Umwegrendite in Frankfurt ein. Zugleich stärken wir gezielt digitale und analoge Formate, um Frankfurt dauerhaft als global relevanten Treffpunkt der jeweiligen Branchen zu positionieren. 

Die jüngste Branchenumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass sich die Aussichten für die Messewirtschaft eingetrübt haben. Welche strategischen Schritte planen Sie, um Messeumsätze und -gewinne in diesen Zeiten resilient zu gestalten?

Im Fokus unserer Investitionsplanung steht der Ausbau unserer globalen Präsenz. Dabei setzen wir auf drei strategische Säulen: Erstens die bereits erwähnte Stärkung des Standortes Frankfurt. Zweitens sichern wir unsere Stellung in etablierten Kernmärkten und stärken konsequent unsere Präsenz in aufstrebenden Wirtschaftsregionen wie Saudi-Arabien, Usbekistan und Indonesien. Drittens investieren wir in digitale Formate und ganzjährige Business-Ökosysteme, um flexibel und robust auf konjunkturelle Veränderungen reagieren zu können und stabile Umsätze langfristig zu sichern. 

Gibt es schon digitale Angebote, um Aussteller und Besucher über Veranstaltungen hinaus zu begleiten?

Digitale Angebote sind mittlerweile ein integraler Bestandteil unserer Messen – und wir bauen sie gezielt aus: Mit Formaten wie unserem intelligenten Matchmaking oder den Content Hubs begleiten wir Aussteller und Besucher kontinuierlich über die Messetage hinaus. Diese digitalen Ökosysteme bieten branchenspezifische Informationen, Weiterbildungsmöglichkeiten und passgenaue Vernetzung an 365 Tagen im Jahr. Mit unserem konzernweiten Transformations-Großprojekt „Progress“ modernisieren und standardisieren wir die gesamten Marketing- und Sales-Prozesse, um unsere Kunden dabei zu unterstützen, Messe-Erfolge nachhaltig zu verlängern, neue Geschäftschancen digital zu erschließen und eine langfristige Bindung zu den Branchen-Communities zu etablieren.


Wolfgang Marzin (Jahrgang 1963) ist seit 2010 Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt. Nach einer Ausbildung zum Speditionskaufmann und einem Wirtschaftsstudium begann er 1990 seine Karriere in der Messewirtschaft. Nach Stationen bei der Messe München, Messe Düsseldorf North America und der Gesellschaft für Handwerksmessen in München leitete er von 2004 bis 2009 die Messe Leipzig. Er ist Mitglied im Vorstand des AUMA und des Weltmesseverbandes UFI.

14. Januar 2026

 

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