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21. April 2021Inter­national

Außenwirtschaftstage 2021: Fachforum Messen mit AUMA-Unterstützung


Welchen Beitrag können Messen zur Überwindung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie leisten? Und wie sehen Messen der Zukunft aus? Diese Fragen diskutierten am 20. April 2021 Entscheidungsträger aus der Messewirtschaft, der Industrie, Wissenschaft, Verwaltung und Politik im „Fachforum Messen“. Die erste digitale Veranstaltung dieser Art wurde vom Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie in Kooperation mit dem AUMA – Verband der deutschen Messewirtschaft im Rahmen der Außenwirtschaftstage 2021 organisiert. Knapp 300 Interessenten nahmen teil.

Thomas Bareiß, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, erklärte in seinen Begrüßungsworten, Messen hätten eine zentrale Bedeutung für den geschäftlichen Erfolg. Sie bauten Vertrauen zwischen Partnern auf und unterstützten insbesondere die Vermarktung komplexer, erklärungsbedürftiger Produkte. Deutschland müsse auch nach der Pandemie Exportnation bleiben und dafür brauche man auch die entsprechenden Marktplätze im Lande. Bareiß würdigte auch die langjährige Kooperation zwischen BMWi und AUMA bei der Unterstützung von Auslandsmessebeteiligungen.

Der Vorsitzende des AUMA, Philip Harting, betonte zum Auftakt des Forums, Messen seien essentiell für die Wirtschaft, vor allem für KMU, denn sie hätten ein Funktionsspektrum wie kein anderes Marketing- Instrument und gäben Impulse für viele andere Branchen. Messen ständen aus Sicht der Aussteller auch immer für Aufträge, die Umsatz und Arbeitsplätze bedeuten. Gerade deshalb müsse die Politik dringend eine Perspektive für die Wiederzulassung von Messen formulieren. Harting dankte außerdem dem BMWi für das Vertrauen in die Arbeit des AUMA bei der Vorbereitung des Auslandsmesseprogramms.

Panel 1: „Die Wirtschaft braucht Messen - Der Beitrag des internationalen Messestandorts Deutschland zur Überwindung der Krise“

In der ersten Podiumsdiskussion, die von Prof. Dr. Gernot Gehrke, Hochschule Hannover, moderiert wurde, diskutierten Thomas Bareiß, Martin Dulig, sächsischer Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Philip Harting, AUMA-Vorsitzender, und Wolfgang Marzin, Chef der Messe Frankfurt GmbH.

Wichtigste Aufgabe: Die Wirtschaft muss wieder in Gang kommen

Derzeit könne die Messe Frankfurt nur eine Reihe von Auslandsmessen durchführen, darunter Messen in China, in Japan und in Russland. Zur Überwindung des Stillstandes in Deutschland müssten alle Beteiligten an einem Strang ziehen, betonte Wolfgang Marzin. Generell sei es die Messewirtschaft gewohnt, sich dem Wettbewerb anderer Länder und anderer Instrumente zu stellen. Reale Messen würden ein starkes Comeback haben. Die aktuellen digitalen Formate werden die Messemarken stärken.

Die Wirtschaftsministerkonferenz der Bundesländer habe gezeigt, dass die Wirtschaftsminister:innen sich der Bedeutung der Messewirtschaft bewusst sind, so Martin Dulig. Es gelte, die Messeplätze, aber auch die Aussteller und Dienstleister bei der Überwindung krisenbedingter Schäden zu unterstützen. Er glaube an die Messe, aber hybride Formate werden an Bedeutung gewinnen. Eine Rückkehr zum Gestern sei nicht zu erwarten. PStS Bareiß ergänzte, der Bund plane eine Absicherung für Aussteller, wenn deren Messen kurzfristig Pandemie-bedingt abgesagt werden müssen. Er könne sich vorstellen, dass Impfnachweise künftig eine wichtige Rolle spielen, auch im Zusammenhang mit Messen, etwa bei internationalen Geschäftsreisen.

Perspektive zum Re-Start nötig

Auf die Frage, wie die Branche hierzulande das wieder stark angelaufenen Messegeschäft in China wertet, betonte der AUMA-Vorsitzende und Chef der Harting Technologiegruppe, aufgrund seiner Erfahrung sei China ein starker Wettbewerber, aber keine Bedrohung.  Deutsche Veranstalter wüssten, wie man Messen macht. Harting dankte der Politik für das Bekenntnis zur Messe. Die beste Hilfe bestehe aber darin, Messen wieder in Gang zu bringen. Der gemeinsame Wille dazu von Bund und Ländern sei vor einem Jahr im ersten Lockdown größer gewesen als aktuell. Es gelte jetzt, schnell zu handeln.


Panel 2: „Deutsche Messequalität weltweit - Die Bedeutung der Messemärkte Asien, Ost-Europa, Lateinamerika, Afrika“

„In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Auslandsmessen deutscher Veranstalter verdreifacht. Sie sind mit ihrem Messe-Knowhow inzwischen in allen Weltregionen aktiv“, erläuterte Marco Spinger, Geschäftsbereichsleiter Globale Märkte im AUMA, der als Moderator durch das Panel führte. 2020 fanden pandemiebedingt nur 114 der geplanten 360 Messen im Ausland statt. Gegenwärtig sind Messen in mehreren Weltregionen wieder möglich, etwa in Russland, wie Erhard Wienkamp berichtete, Geschäftsführer Operatives Messegeschäft, Messe Düsseldorf GmbH. Seit Februar finden Messen dort wieder statt, auch solche von der Messe Düsseldorf, etwa eine Modemesse in Moskau und eine Technologiemesse in Sibirien. In China ging in der 2. Jahreshälfte 2020 wieder das Messegeschäft los, teilweise mit nahezu vergleichbaren Teilnehmerzahlen. Problem seien jedoch die Reisebeschränkungen. Noch relativ schwierig sei die Lage in Südost-Asien.

Über Chancen auf dem afrikanischen Markt sprach Bernd Koch, Geschäftsführer DLG International GmbH. Die DLG veranstaltet nicht nur Messen in Afrika, sondern auch andere Projekte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Sektor der Landwirtschaft und Ernährung. Grundsätzlich sei Afrika ein Wachstumsmarkt mit einem großen Bevölkerungswachstum als Treiber.  Sechs afrikanische Länder sind unter den 10 Ländern mit dem schnellsten Wachstum weltweit. 65% der Agrarflächen sind ungenutzt. Seit einem Jahr finden in den Ländern Afrikas, in denen die DLG aktiv ist, keine Messen statt. Messestart sollten für die DLG im Herbst  in Äthiopien sein.

Wie ist die Situation in Lateinamerika? Denis Steker, Geschäftsbereichsleiter International, Koelnmesse GmbH, berichtete, Brasilien, der wichtigste Markt und Messemarkt Lateinamerikas, biete allein aufgrund der Größe des Landes einen Binnenmarkt mit riesigem Potenzial. Derzeit sind aber viele Messen aufgrund der Pandemie abgesagt. Kolumbien als viertgrößte Volkswirtschaft in Lateinamerika gilt als Hidden Champion. Messen haben dort eine internationale Ausstrahlung mit einer Reichweite bis in die Karibik. Hier ist es derzeit aufgrund der Einreisebeschränkungen nicht möglich, an Messen teilzunehmen. Die nächsten Messen der Koelnmesse in der Region sind die Andina Pack in Columbia und anufood in Brasilien im nächsten Jahr. Messen in Lateinamerika seien auch in einen möglichen Pandemie-bedingten Trend zur Regionalisierung des Messegeschäft interessant.

Die Messesituation im Nahen und Mittleren Osten hingegen ist deutlich besser; berichtet Ingo Klöver, Geschäftsführer planetfair GmbH + Co. KG. Am wichtigsten Messestandort Dubai finden bereits seit dem 4. Quartal 2020 wieder Messen statt. Es gibt internationalen Flugverkehr mit täglichen Verbindungen aus Deutschland.  Grund für diese positive Entwicklung sei, dass mittlerweile fast alle Einwohner geimpft sind. Einreise ist mit negativem PCR-Test möglich. Die Besucherzahlen sind mit den Vorveranstaltungen vergleichbar.

3. Panel: „Von Deutschland in die Welt“ - Auslandsmessebeteiligungen als Wegbereiter für den Export

In dieser Diskussion ging es insbesondere ging um die Perspektive der Aussteller und die Möglichkeiten der Veranstalter und der Politik, den Schulterschluss mit den exportorientierten Unternehmen in Deutschland herzustellen. Es diskutierten Dr. Andreas Nicolin, Ministerialdirigent im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Jörn Holtmeier, AUMA-Geschäftsführer, Thilo Brodtmann, VDMA-Hauptgeschäftsführer, Markus Geisenberger, Geschäftsführer der Leipziger Messe GmbH, und Felix Neugart, Geschäftsführer von NRW.Global Business GmbH. Die Moderation lag bei Prof. Dr. Thomas Bauer, DHBW Ravensburg.

Die derzeitige Perspektive deutet auf einen Re-Start in der 2. Jahreshälfte hin, wobei die große Hoffnung auf den täglich steigenden Impfzahlen liege, so Dr. Nicolin. Messeveranstalter in Deutschland haben im Herbst 2020 gezeigt, betonte Jörn Holtmeier, dass sie Messen sicher durchführen können. Sobald die rechtliche Möglichkeit bestehe, könne die Branche starten, wenn möglich auch mit Modellprojekten, ansonsten mit regionalen und nationalen Messen in der ersten Phase. Sollten nach dem Re-Start einzelne Absagen notwendig werden, hoffe er auf mehr Sensibilität seitens der Behörden als teilweise im letzten Herbst. Laut Markus Geisenberger bedarf es schnell Rahmenbedingungen durch die Politik, damit ausstellende Unternehmen sich auf Planungen einlassen können. Natürlich müssten sich die Teilnehmer auf einer Messe sicher fühlen.

Vertrauen seitens der Aussteller stärken

Zum Thema Auslandsmessebeteiligungen von NRW erläuterte Felix Neugart, dass im Vorjahr nur ein Viertel stattgefunden habe mit 13% der üblichen Teilnehmerzahlen. Die aktuelle Strategie sei zweigleisig: physische Gemeinschaftsstände werden verfolgt, aber alternativ wird eine digitale Variante für Aussteller angeboten. So wolle man die Verunsicherung bei Durchführern und Unternehmen in Grenzen halten und Perspektiven geben.

Ausländische Veranstalter behalten oft die Anzahlungen bei Absagen der physischen Messestände ein, so die Erfahrung von Felix Neugart. Dabei ist der Ersatz durch eine digitale Veranstaltung oft eine sinnvolle Alternative. Das Haushalts- und Beihilferecht mache die Situation für Exportförderer wie NRW.Global derzeit schwierig. Die Leipziger Messe lege Wert darauf, so Geisenberger, faire Bedingungen für Aussteller herzustellen, Anzahlungen wurden 2020 zurückerstattet. Auf dem Spiel stehe generell die Vertrauensbasis mit Ausstellern und Besuchern. Fairness sollte als Standortvorteil des Messeplatzes Deutschland gelten.

Thilo Brodtmann berichtete, dass der Maschinenbau ab Herbst wieder kalkulieren könne, wie sich die Messelandschaft in Deutschland entwickelt. Positive Erfahrungen mit der Kulanz der Veranstalter bei Absagen seien gemacht worden. Physische Messen bleiben für den Maschinenbau mit seinen komplexen Produkten wichtig. Brodtmann betonte, die über Jahre gewachsene Vertrauensbasis zwischen ausstellender Wirtschaft und den Veranstaltern sei eine wichtige Grundlage für einen erfolgreichen Neustart.

Sebastian Schmid von der Landesmesse Stuttgart betonte, dass internationale Messen in Deutschland ein Exportvorteil für deutsche Unternehmen seien. Der Messestandort Deutschland müsse gesichert werden, denn die Konkurrenz schlafe nicht. Wichtig sind für Aussteller die Messen, die am besten ihre Märkte bedienen, meinte Geisenberger. Messen verändern sich inhaltlich stark, digitale Verlängerung muss weiterverfolgt werden. Der Blick nach China ist wichtig, weil die Politik dort starken Einfluss auf Messegeschäft nimmt. Das werde sehr strategisch angegangen, auch mit der Folge von Wettbewerbsverzerrungen, so Dr. Nicolin. Er sehe aber den chinesischen Messemarkt noch nicht auf deutschen Niveau. Das Vertrauen in deutsche Messequalität ist auch international groß: „Selbstbewusstsein ist angebracht, aber keine Selbstzufriedenheit.“

Digitale Zusatzangebote verändern auch die Ausstellerförderung

Die HANNOVER MESSE digital habe gezeigt, so Thilo Brodtmann, dass derartige Veranstaltungen attraktiv sein können. Eine Tendenz zur Re-Nationalisierung in vielen Staaten sei zu beachten. Klassische Geschäftsmodelle stehen daher auf dem Prüfstand. Es ist nicht zu erwarten, dass das Messegeschäft wieder wie vor der Pandemie dastehen wird. Da seien neue Ideen gefragt. Die Durchführer von Auslandsbeteiligungen, so Neugart, machen die Erfahrung, dass die meisten Aussteller die physische Präsenz wünschen. Sie werden aber auch bei den digitalen Zusatzangeboten unterstützt. Dazu müssen jedoch auch Förderrichtlinien verändert werden, Schulungen entwickelt werden, auch Leitfäden. Internationalen Messen in Deutschland bleiben aber wichtig, vor allem für Start-ups. Hier muss unterstützt werden. Rein digitale Formate werden im Auslandsmesseproramm des Bundes werden nur gefördert, so Dr. Nicolin, wenn die physische Komponente abgesagt wird. Die Bandbreite an Angeboten ist qualitativ sehr groß. Die Webseite www.german-pavilion.com soll ebenfalls das AMP digital unterstützen, da sind weitere Features geplant.


Fazit von Tagesmoderatorin Christiane Appel, Chefredakteurin des m+a-reports

Die Beiträge des Messeforums verdeutlichen die große Bedeutung von Messen für den Export. Bei aller Solidarität in der aktuellen, Corona-bedingten Krise der Branche: Wettbewerb in der Messebranche müsse sein. Neue Märkte müssen erschlossen werden, da müsse auch das Auslandsmesseprogramm mitgehen. Zukunft bedeute digitale Erweiterung und dafür müsse auch eine Infrastruktur bereitstehen. Auch wenn die nächsten zwei Jahre schwierig bleiben: In diesem Herbst gehen Messen auch in Deutschland wieder ans Netz. Neues Motto: „Bleiben Sie gesund und zuversichtlich!“

Redaktion: Anne Böhl




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